Frau Meier sitzt angespannt im Sprechzimmer, vor Ihr liegt ein riesengroßer Beipackzettel aus der Medikamentenschachtel, die ich ihr neulich aufgeschrieben habe.
Ich weiß schon genau, was kommt....
Kurz: Empört, zwischendurch von Hustenanfällen geschüttelt, liest sie mir die lange Passage über die möglichen Nebenwirkungen des Penizillins vor, das ich ihr vor genau drei Tagen gegen ihre eitrige Bronchitis aufgeschrieben habe: „ ... und hier: psychotische Reaktionen, Verwirrtheit, anaphylaktischer Schock, und: Muskeleinschmelzungen! Das Giftzeug nehme ich nicht, ich bin doch nicht verrückt !!!"
Ich hasse diese Art Beipackzettel, denn aus rein juristischen Gründen versucht jede Pharmafirma so viel Nebenwirkungen hineinzuschreiben, wie nur irgend möglich. Denn alles, was dann evtl. passiert, fällt in den Verantwortungsbereich des Arztes!
Ich setze mich hin, hole tief Luft und erkläre Frau Meier geduldig, dass Medikamente zu den sichersten „Lebensmitteln" überhaupt gehören, dass sie über Jahre hinweg erprobt wurden und alle irgendwann aufgetretenen Nebenwirkungen peinlich genau dokumentiert wurden. Und alle Nebenwirkungen, die bei Tausenden und Zehntausenden Patienten vielleicht nur ein einziges Mal auftraten, werden im Beipackzettel aufgeführt.
Eigentlich nur für den Fachmann erkennbar ist die Staffelung der Häufigkeit, mit der solche Nebenwirkungen beobachtet wurden:
sehr häufig mehr als 1 von 10 Behandelten,
häufig weniger als 1 von 10, aber mehr als einer von 100 Behandelten,
gelegentlich weniger als 1 von 100, aber mehr als einer von 1.000 Behandelten,
selten weniger als 1 von 1.000, aber mehr als einer von 10.000 Behandelten,
sehr selten weniger als 1 von 10.000 einschließlich Einzelfälle
„Also, Frau Meier, über möglichen Durchfall und vielleicht auch Ausfluss unter Penizillin haben wir gesprochen, auf bei Ihnen bekannte Allergien habe ich geachtet und alles andere können wir getrost vernachlässigen!"
Auf dem Gemüsemarkt haben Sie übrigens keinerlei wissenschaftliche Grundlagen und ob der Biobauer nicht vielleicht doch Pflanzenschutzstoffe benutzt hat, das müssen sie an seinem mehr oder weniger ehrlichen Gesichtsausdruck ablesen...
Übrigens: Wenn die Schokolade einen Beipackzettel hätte, dann müsste unter anderem darauf stehen: „ ... Todesfälle durch einzelne Inhaltsstoffe wurden beobachtet"
Und so etwas geben wir unseren Kindern, als Belohnung!