Lausitzer Rundschau - Wechselwirkung per Fingerabdruck

Das Ärztenetzwerk Südbrandenburg (ANSB) ist von der Planungsphase in den fliegenden Start Pressemitteilung als PDFübergegangen. Seit Bestehen des neuen Versorgungsprogrammes «Pro Med plus», das die Vereinigung aus Allgemein- und Fachmedizinern des Elbe-Elster-Kreises und der Senftenberger Region vor einem Vierteljahr mit der AOK Brandenburg und der Barmer unterzeichnete, haben sich bereits 2100 Patienten vom ANSB-Konzept überzeugen lassen. An deren Anspruch auf zeitnahe Facharzttermine und ein effektiveres Zusammenwirken verschiedener Spezialisten will sich das Netzwerk aus derzeit 46 niedergelassenen Ärzten nun messen lassen.

 

 

Dr. Andreas Hagenow erachtet «Pro Med plus» als einen innovativen Schritt hin zu dem Ziel, auch in der ländlichen Struktur des Elbe-Elster-Landes eine komplette medizinische

Versorgung und gleichzeitig die wirtschaftliche Existenz der niedergelassenen Ärzte zu sichern. Das nur im Verbreitungsgebiet des Ärztenetzwerkes Südbrandenburg und bei einem ähnlichen Projekt im Raum Belzig gestartete Versorgungsprogramm ermöglicht nach Jahren der Planungen und Verhandlungen endlich den Praxisstart, freut sich der Geschäftsführer der ANSB GbR, der in Elsterwerda als Hausarztinternist praktiziert. «Es lassen sich täglich neue Patienten registrieren. Jetzt sind wir am Zug, sie von der Qualität unserer Idee zu überzeugen.»

Schon jetzt – weit vor der angestrebten Vision des ANSB, alle medizinischen Leistungen direkt

über die Partner-Krankenkassen und nicht mehr über den Umweg der Kassenärztlichen

Vereinigung abzurechnen – sollen kranke Menschen in der alternden Brandenburger Südregion von «Pro Med plus» profitieren. Das beginnt insbesondere in der Vernetzung von zurzeit 46 niedergelassenen Allgemeinmedizinern und Fachärzten im Netz. Praktisch funktioniert das so: Entscheidet sich der Patient mit seiner Unterschrift für die kostenlose Teilnahme am Programm, haben alle angeschlossenen Praxen (ersichtlich am grünen ANSB-Logo) über ein hochsicheres Computersystem den schnellen Zugriff auf seine komplette Krankenakte. «Unsere Patienten geben per Fingerabdruck ihre Einwilligung. Dann hat der Spezialist alle wichtigen Daten auf einen Blick und kann mit seiner Behandlung ansetzen» , sagt Dr. Andreas Hagenow

Hausarztinternist und Chef des Ärtztenetzwerkes, der die schnelle Kommunikation unter mehreren Gesichtspunkten als großen Fortschritt für eine medizinische Versorgung erachtet.

Mehr Sicherheit in Notfall-Situationen. So ließen sich beispielsweise Fragen nach dem aktuellen Medikamentenspiegel und eventuellen Wechselwirkungen mit neuen Präparaten in Sekundenschnelle beantworten.

Andererseits könne mit gezielteren Informationen aus der zentralen Computerakte auch

präziser reagiert werden, wenn es einmal zu einer Notfall-Situation im heimischen Elbe-Elster-

Klinikum komme. «Wir haben die drei Krankenhausstandorte, die Fontana-Klinik und die

Lausitztherme als Kooperationspartner gewonnen. Selbst der Physiotherapeut im Wonnemar

kann besser arbeiten, wenn er im Laptop alle wichtigen Parameter zum Krankheitsbild vor Ort

hat» , sagt Andreas Hagenow. Er geht davon aus, dass Ende Juli alle Mitglieder und Partner

des ANSB über die Technik zum unkomplizierten Datenaustausch verfügen.

Ebenfalls von Vorteil für die Patienten – weil übersichtlicher und sicherer für den Hausarzt als

gewöhnlich erstem Ansprechpartner ist die Entwicklung so genannter Behandlungspfade, mit

denen im ANSB die grobe Diagnosenstellung professionell vereinfacht werden kann. Dr.

Hagenow erklärt, wie unnütze Überweisungszeiten und Doppelbehandlungen ausgeschlossen

werden können. «Wir haben Kompetenzteams für Spezialgebiete wie Rheuma, Herz-Kreislauf-

Erkrankungen oder Diabetes gebildet, die Untersuchungspläne bei wiederkehrenden

Krankheitsbildern entwickelt haben.»

Facharzt-Anweisungen über Datenleitung

Beispiel: Andreas Hagenow legt eine gedachte digitale Patientenakte an und startet die

Anamnese direkt am PC. Möglicherweise könnte jemand über Schmerzen in den

Fingergelenken klagen. Also los. Der Doktor – in diesem Falle auf Herzerkrankungen und nicht

auf rheumatische Beschwerden spezialisiert – öffnet eine Ansicht und färbt die betroffenen

Gelenke an einem abgebildeten Körperbild per Mausklick rot. In Windeseile verarbeitet das

vom ANSB erstellte Computerprogramm die Informationen, fragt weitere Beschwerden ab

oder weist direkt die nächst wichtigen Behandlungsschritte – wie z.B. Laborkontrollen,

Ultraschall oder EKG – an. Verhärtet sich nach Eingabe der Werte der Krankheitsverdacht,

kann via Datenleitung sofort ein Termin beim Facharzt vereinbart werden. «So erreichen wir,

dass den Patienten eine zeitnahe Konsultation beim Spezialisten ermöglicht wird, die es

wirklich nötig haben» . Die Allgemeinmediziner und Fachärzte arbeiteten über dieses

Programm viel enger zusammen. Hausärzte hätten die Möglichkeit, gezielter zu

diagnostizieren und Untersuchungen anzuschieben, an die der Facharzt später anknüpfen

könne.

Natürlich funktioniere dieses System nur dann wirklich gut, wenn Patienten auch solche Ärzte

aufsuchten, die tatsächlich im ANSB organisiert und vernetzt seien. «Wenn wir bei unserem

Auftaktgespräch das Programm erklären, hören wir von den meisten Teilnehmern, dass sich

ihr Ablauf durch 'Pro Med plus' ohnehin nicht ändert. Sie vertrauen auf von uns empfohlene

Fachärzte aus dem Netz» , so Dr. Andreas Hagenow. Eine große Herausforderung bedeuteten

deshalb solche Patienten, die aus eigenem Antrieb externe Spezialisten (z.B. in Großstädten

und Unikliniken) kontaktieren, um ihren gesundheitlichen Problemen auf den Grund zu gehen.

Diese selbst bestimmten, mobilen, meist jüngeren Menschen könne man nur durch eine

ständige Verbesserung der Qualität vom Konzept des ANSB überzeugen. Wozu unter anderem

auch gehöre, noch mehr niedergelassene Mediziner der Region für das Netzwerk zu werben.

Zurzeit ist mit 46 Haus- und Fachärzten rund ein Drittel der im Verbreitungsgebiet

praktizierenden Ärzte angeschlossen. «Einige hängen noch in der Bewerberschleife, die sind

demnächst mit dabei. Außerdem haben wir noch mal alle anderen angesc hrieben, um sie für

unser Konzept zu gewinnen» , sagt der Geschäftsführer der ANSB GbR, der den 31. August

als eine Art Stichtag für interessierte Kollegen ausgegeben hat. Zwar könne dem Ärztenetz

Südbrandenburg natürlich jederzeit beigetreten werden. Ab September werde sich das

Netzwerk die erbrachten Vorleistungen seit der Gründung 2004 von Hinzukömmlingen aber

deutlich besser bezahlen lassen.

Hintergrund weniger Praxisgebühr

· Neben 29 Hausärzten im gesamten Elbe-Elster-Kreis und dem westlichen

Senftenberger Altkreis sind im ANSB Narkoseärzte, Chirurgen, Kardiologen,

Gastroenterologen, Frauenärzte, Hautärzte, HNO-Ärzte, Kinderärzte, Nervenärzte,

Orthopäden, Urologen, Internisten und Diabetologen organisiert. Derzeit wird laut Dr.

Hagenow mit Hochdruck daran gearbeitet, einen Augenarzt für das ANSB zu gewinnen.

· Vom «Pro Med plus» profitieren Ärzte und Patienten finanziell gleichermaßen. Über

den Versorgungsvertrag gewähren die Krankenkassen AOK und Barmer dem ANSB für

jeden Patienten eine Pauschale. Letzterer wiederum bekommt am Jahresende einen

Teil seiner entrichteten Praxisgebühr zurückerstattet.

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